Kulturelle Unterschiede in der Übersetzung und wie man mit diesen umgeht

Kulturelle Unterschiede

Sprache und Kultur gehen Hand in Hand; daher ist es wichtig nicht nur die Zielsprache, sondern auch die Kultur des Ziellandes zu berücksichtigen. Im Englischen gibt es beispielsweise Unterschiede zwischen amerikanischem und britischem Englisch. Dabei gibt es sowohl unterschiedliche Ausdrücke für dasselbe Konzept (z.B. elevator vs lift) als auch Redewendungen die eventuell im jeweils anderen Land nicht verstanden werden.

Ebenso variiert das Spanisch, welches in Spanien oder in Lateinamerika gesprochen wird. Dies wird beim Übersetzen besonders dann zur Challenge, wenn die Unterschiede in der Terminologie auf einen kulturellen Unterschied zurückzuführen sind, für den es kein vollständiges Synonym gibt. Ein Beispiel dafür ist das Wort „Bus“, das in Spanien direkt mit „autobús“ übersetzt wird und eine hohe Synonymität zu Deutsch oder auch Englisch hat. In den verschiedenen Regionen Lateinamerikas gibt es jedoch viele unterschiedliche Begriffe, die das beschreiben, was wir unter "Bus" verstehen. Jedoch weisen die beschriebenen Fahrzeuge leichte Unterschiede auf, weshalb ihnen individuelle Namen wie „rapidito", „trucho", und „guagua“ gegeben wurden. Eine schnelle Google-Bildersuche zeigt Ihnen, dass diese drei Begriffe (es gibt noch viele mehr) jeweils eine verschiedene Art von Bus betiteln. Aus diesem Grund haben wir im lateinamerikanischen Spanisch mehr Informationen über die Art des Busses als in der deutschen Übersetzung, was zu einem inhaltlichen Verlust führt.

Da es im Deutschen kein direktes Synonym gibt, muss der Übersetzer einige Entscheidungen treffen, die vom Kontext und auch der gewünschten Aussage des Textes abhängig sind. Als erstes ist zu beachten, ob der Leser wissen muss, welcher Typ Bus genau im Quelltext erwähnt wird. Hierbei ist wichtig ob der Text versucht die Quellkultur zu repräsentieren oder ganz an die Zielkultur angepasst werden soll.

Der höchste Erhalt der Quellkultur in der Übersetzung wird auch als Exotik bezeichnet. In diesem Szenario würde der Übersetzer, der Exotisierung anstrebt, kulturell besondere Wörter wie „guagua“ nicht übersetzen und sie stattdessen als Fremdwörter im Text beibehalten. Ein Beispielsatz dafür wäre: „Er hat 20 Pesos für den Guagua bezahlt.“ Dieser Satz zielt nicht darauf ab, den Inhalt in die Zielkultur zu domestizieren, sondern behält stattdessen die Quellkultur bei. Dies geschieht häufig bei der Übersetzung kreativer Werke wie zum Beispiel Bücher und Filme, bei denen die Kultur des Verfassungslandes für die Botschaft oder Handlung des Werks wichtig ist. Ein Vorteil davon ist, dass diese Methode die Zielgruppe aufklärt und es ihnen ermöglicht, in ein anderes Land zu „reisen“. Darüber hinaus können viele Mitglieder der Zielgruppe die kulturellen Elemente als interessant empfinden, da sie Kontexte, Wortbedeutungen oder Nachforschungen selbst erschließen können. Ein potenzieller Fallstrick könnte sein, dass Exotik bei anderen Mitgliedern der Zielgruppe, die den Inhalt lieber leicht verstehen möchten, Verwirrung verursachen kann. Daher muss der Übersetzer abwägen wer das gewünschte Publikum ist und inwieweit die kulturellen Elemente ein unverzichtbarer Bestandteil des Ausgangstextes sind.

Im anderen Extrem können sich Übersetzer für die sogenannte Kulturtransplantation entscheiden. Das bedeutet, dass der Text vollständig an die Zielkultur angepasst wird, wodurch die Übersetzung unsichtbar wird. Das vorherige Beispiel „Er zahlte 20 Pesos für den Guagua“ könnte stattdessen „Er zahlte 1 Dollar für den Bus“ lauten, wenn der Übersetzer sich dazu entschieden hat den Text für den US-Markt zu domestizieren. Beim Lesen des zweiten Satzes fällt dem Leser nicht auf, dass der Originaltext an einem anderen Ort geschrieben wurde, sondern stellt sich die Szene in einer vertrauten Umgebung vor. Dies hat den offensichtlichen Nachteil, dass die Kultur des Quelltextes verloren geht; dies ist bei Werken, welche die Kultur repräsentieren sollen, wichtiger als bei anderen Texten. Bei einigen anderen Quelltexten kann es von Vorteil sein, die Übersetzung kulturell an das Zielpublikum anzupassen (oder zu lokalisieren). Im Marketing ist es beispielsweise wichtig bei der Zielgruppe Anklang zu finden, damit sie sich mit dem Produkt identifizieren kann; In diesem Fall wäre eine Domestizierung von Vorteil, um Verwirrung zu vermeiden.

In der Umsetzung gibt es viele Lösungen, welche die Ansätze von Exotik und kultureller Transplantation kombinieren. Als Beispiel können Übersetzer die Verwendung von Begriffen wie „rapidito“, „trucho“ und „guagua“ vermeiden und stattdessen zusätzliche Informationen hinzufügen, die den Bus und seine Besonderheiten beschreiben, die ihn von einem der Zielgruppe bekannten Bus unterscheiden könnten. Alternativ könnten Übersetzer die fremden Begriffe zwar einbeziehen, jedoch zusätzlich eine Erklärung hinzufügen, eventuell als Fußnote. Letztendlich können sich Übersetzer nach Abwägung der Vor- und Nachteile in jeder Situation für ein Zusammenspiel von Exotisierung und Domestizierung entscheiden.

Dies erfordert natürlich tiefe und sorgfältige Überlegungen seitens des Übersetzers sowie ein tiefgehendes Wissen und Verständnis beider Kulturen. Kulturelle Unterschiede sind eine der Hauptschwierigkeiten bei der Übersetzung, da sie in jedem Sprachpaar existieren. Die vom Übersetzer getroffenen Entscheidungen werden einzigartig sein, was die Individualität der Arbeit verstärkt, da verschiedene Übersetzer das Potenzial haben drastisch unterschiedliche Ergebnisse zu erzielen, je nachdem wie viele Inhalte sie kulturell an das Zielpublikum anpassen und wie viel sie gewählt haben beizubehalten. Umso wichtiger ist es Übersetzer für ihre Übersetzungen, die beim Zielpublikum gut angekommen sind und gleichzeitig die Kernaussagen des Originals beibehalten konnten, wertzuschätzen.

Andreas Jacobi

Andreas Jacobi

CEO


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